Verein zur Erhaltung der Westwall-Anlagen (VEWA e.V.)
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Die Neckar-Enz-Stellung

Westbefestigungen-Neckar-Enz-Stellung

Ein großer Teil dieser Stellung entstand schon 1935, also noch vor der Rheinlandbesetzung, wofür noch eine "Bunkertypologie" angewandt wurde, die ein Jahr später schon durch Weiterentwicklung deutlich anders wurde. 1935 wurde der Bereich ab Jagstfeld und Gundelsheim nach Norden anscheinend nur deshalb ausgespart, weil hier die Grenze der 50 km breiten Demilitarisierten Zone östlich des Rheins nach dem Versailler Vertrag den Neckar kreuzt. Nach der Rheinlandbesetzung 1936 fühlte man sich dieser Beschränkung nicht mehr unterworfen, und das könnte die Konzentration der Bautätigkeit im Baujahr 1936 auf Offenau und Gundelsheim erklären. (1,4) Auch die noch 1937 gebaute südwestliche Verlängerung, bzw. das vorläufige Ende bei Oberriexingen lässt sich mit dieser Grenze besser verstehen, obwohl man mit Enzweihungen auch im Endzustand noch außerhalb der Zone geblieben war. (1)
Die Neckar-Enz-Stellung ist somit aus politisch-historischer und typologischer Perspektive eine in der Bundesrepublik einmalige Denkmallandschaft. Sie gehört seit der Unterschutzstellung 2005 zur Sachgesamtheit "Westbefestigungen".

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Die "Neckar-Enz-Stellung", mit Schwerpunkt beiderseits Heilbronn, entstand 1935 bis 1938 und reichte von Enzweihingen bis nach Eberbach. Sie sperrte zwischen dem Schwarzwald und dem Odenwald die verkehrsreichen Korridore aus dem Kraichgau nach Osten. Als Teil der ursprünglichen Westbefestigungen, praktisch konform mit den Bestimmungen des Versailler Vertrages außerhalb der Entmilitarisierten Zone an "panzersicheren" Flussufern angelegt, folgte diese Befestigungslinie gemeinsam mit der "Bayerisch-Tschechischen Grenzstellung" (ab 1935) und der "Wetterau-Main-Tauber-Stellung" (ab 1936) bei Aschaffenburg noch einem Verteidigungskonzept der Reichswehr aus der Zeit der Weimarer Republik, womit eine frühzeitige Teilung des Deutschen Reiches durch eine gleichzeitige französische Invasion aus dem Rheintal und eine tschechoslowakische Invasion in Richtung Würzburg verzögert werden sollte. Ein Überraschungsangriff hätte eine Mobilisierung und Vergrößerung des 100.000-Mann-Heeres verhindern und somit die effektive Verteidigung des Reiches destabilisieren können. (2,3,4)
Die hier sichtbaren Entwicklungslinien in den ab 1935 angewandten Bauformen der etwa 460 gebauten Betonbunker sind teilweise einzigartig in der Bundesrepublik und dokumentieren das sehr bürokratisch organisierte Pionierwesen der Reichswehr. Dieses arbeitete sehr gründlich, weil vor dem Übergang zur Diktatur der Nationalsozialisten erheblich weniger Geld für das Militär zur Verfügung stand. Durch das auf Wirtschaftlichkeit bedachte Pionierwesen der Reichswehr sollte die durch die Bestimmungen des Versailler Vertrages verursachte militärische Schwächung des Deutschen Reiches zumindest ansatzweise ausgeglichen werden.
Die Integration und aufwändige Tarnung der zahlreichen Bunker in Weinbergen, Ortschaften und Industrieflächen zeigt, wie in der Diktatur des Nationalsozialismus eine flächendeckende militärische Nutzung der historischen Kulturlandschaften stattfand. Die planmäßige Zerstörung der Militäranlagen in den Nachkriegsjahren hinterließ eine Ruinenlandschaft, deren geschleifte Bunker findige Grundstückseigentümer und Pächter auffällig oft für zivile Zwecke aufwendig umgestalteten und weiternutzten. Insbesondere bei Bad Friedrichshall ist ein umfangreicher Bestand an Bunkeranlagen erhalten, die häufig in Neubauten integriert worden sind.

1) Siehe die Karte am Ende in: "Exécution des Clauses Militaires du Traité de Versailles ", United Nations Library & Archives Geneva, File COL56/35/1 - Germany (11 sub-files) (1927), https://archives.ungeneva.org/5m4n-ftx8-7wmz
2) Die Neckar-Enz-Stellung, Till Kiener, 2000.
3) Die Neckar-Enz-Stellung Gundelsheimer Bunkerwelten, Till Kiener, 2002.
4) Denkmalporträt Der Westwall in Baden-Württemberg (1) Die Neckar-Enz-Stellung, Till Kiener, In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, 1/2011,
https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/nbdpfbw/article/view/12114

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