Der Otterbachabschnitt

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Das sanft hügelige Gebiet zwischen dem Pfälzerwald und dem Bienwald, auch bekannt als die „Weißenburger Senke“, war über Jahrhunderte hinweg Aufmarschgebiet für Invasionsarmeen in beide Richtungen. Entsprechend gehörte es ab 1937 zu den Einfallspforten, die im Rahmen des „Festungskonzepts“ mit großen Bunkern, den sogenannten „Werken“ der höchsten Widerstandsklassen, gesichert werden sollten.

Im Gegensatz zu den sogenannten „Ständen“ (einfachen Bunkern) waren „Werke“ selbstständig verteidigungsfähig. Sie verfügten über maschinelle Einrichtungen zur Strom- und Wasserversorgung, zur Abwasserentsorgung sowie über technische Anlagen für Beleuchtung, Heizung, Nahrungszubereitung und den Betrieb von Waffensystemen. Von den insgesamt 32 B-Werken am Westwall wurde knapp die Hälfte – nämlich 14 Anlagen – in diesem Abschnitt errichtet. Zusätzlich sollten A-Werksgruppen bei Ober- und Niederotterbach die Panzerabwehr sichern, während weitere A-Werke im Hinterland mit gepanzerter Artillerie ausgestattet werden sollten, alles an einen durchgehenden Hohlgang entlang der Front angebunden. Diese Anlagen kamen jedoch nicht mehr zur Ausführung.

Die B-Werke befanden sich 1938 noch im Bau, der sich als äußerst zeitaufwendig erwies. Daher waren die betreffenden Festungsabschnitte 1937 zunächst provisorisch durch jeweils eine Sperrlinie aus dünnwandigen Bauwerken gesichert. Dies führte auch hier zu der paradoxen Situation, dass Mitte 1938 – als die politische Führung den Fortgang des Befestigungsbaus zunehmend kritisch im Hinblick auf ihre Expansionspläne für Osteuropa betrachtete – der benachbarte Abschnitt im Bienwald sowie die Kombination aus Sperrlinie und Stützpunkten im Pfälzerwald bereits besser gesichert waren als der exponierte Otterbachabschnitt in der Weißenburger Senke.

Als Reaktion darauf wurde im folgenden „Limesbauprogramm“ eine dicht bebaute Zone mit nahezu eintausend Bunkern errichtet. Diese wiesen dieselbe Wandstärke wie die B-Werke auf und lagen zudem in deren Schussfeldern. Das inzwischen aufgegebene Festungskonzept wurde damit faktisch überplant; zugleich wurde die Verteidigungslinie nach vorne verlegt.

Das ursprünglich vorgesehene Panzerhindernis aus „nassen Panzergräben“ und „Hemmschwellen“ wurde durch eine Höckerlinie des Typs 1938 ersetzt. Diese kreuzte bei Niederotterbach das ältere Hindernis, um auch das Gebiet bei Steinfeld einzubeziehen. Im Jahr 1939 wurde das Höckerhindernis aufwendig verstärkt und durch weitere Abschnitte des Typs 1939 ergänzt.

Optisch wirkte der Otterbachabschnitt durch seine hohe Dichte an Bunkern äußerst stark, war jedoch nur bei ausreichender Truppenstärke wirksam verteidigungsfähig. Im Dezember 1944 konnten die US-amerikanischen Angriffe auf Oberotterbach noch abgewehrt werden; der Durchbruch erfolgte jedoch westlich davon im Gebirge, bis die Ardennenoffensive die US-Truppen vorübergehend zum Rückzug zwang. Im März 1945 griffen sie erneut an, diesmal konzentriert auf einen der stärksten Abschnitte bei Steinfeld. Dort brach die erschöpfte und zahlenmäßig unterlegene deutsche Verteidigung schließlich zusammen.

Nach dem Krieg begannen auch in diesem Bereich umfangreiche Bunkersprengungen, wodurch eine ungewöhnlich dichte Ruinenlandschaft entstand. In den folgenden Jahrzehnten wurden Weinbau und Tourismus – noch vor der Verkehrssicherung und mit einer Verdrängungsmentalität im Hintergrund – zu den wichtigsten Triebkräften der weiteren Beseitigung. Diese Maßnahmen wurden vom Bundesvermögensamt in Zusammenarbeit mit lokalen Baufirmen getragen, sodass bis zur Jahrtausendwende nahezu nur noch eine einzelne Bunkerruine erhalten blieb, die 2005 vom VEWA e.V. erworben wurde.

Erhalten blieb außerdem eine teilweise intakte Artilleriebatterie in Bad Bergzabern, in deren drei Bunkern die Stadt heute ein Westwallmuseum betreibt. Von den Panzerhindernissen sind bei Niederotterbach und Steinfeld sowohl Abschnitte der nassen Panzergräben als auch die bis heute ikonischen Höckerhindernisse erhalten geblieben, die hier in speziellen Sonderformen ausgeführt wurden.

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